Die Welt ist groß genug für viele Wege…

Was wir von den Tlingit lernen können – egal, wo wir gerade sind

Vier alte Werte aus Alaska für unser modernes Leben

Manchmal reisen wir Tausende Kilometer weit und entdecken etwas, das eigentlich direkt vor unserer Haustür liegt.

Auf meiner Reise durch Alaska und den Yukon begegneten mir Weisheiten der Tlingit, die indigene Bevölkerung Südost-Alaskas. Vier traditionelle Werte wurden von ihnen beschrieben. Vier Begriffe aus einer anderen Kultur und einer anderen Sprache – und trotzdem dachte ich beim Lesen sofort: Das hat mit uns allen zu tun. Mitten im Leben. Hier und heute. Denn egal, ob wir in Alaska, Aschau oder irgendwo dazwischen unterwegs sind: Wir Menschen beschäftigen uns immer wieder mit ähnlichen Fragen:

Wo gehöre ich hin?
Was gibt mir Kraft?
Woher komme ich – und was hinterlasse ich?
Und wie finde ich Balance in einer Welt, die sich ständig verändert?

Vielleicht können uns vier alte Werte der Tlingit dazu inspirieren, unsere ganz eigenen Antworten zu finden.

1. Haa Aaní – unser Land

Das Land schützen und ehren.

In der traditionellen Vorstellung der Tlingit ist die Natur nicht einfach nur Kulisse. Tiere, Bäume, Land, Meer und natürliche Ressourcen werden mit Respekt betrachtet. Wie oft bewegen wir uns durch die Welt, ohne sie wirklich wahrzunehmen?

Wir fahren durch Landschaften, fotografieren Berge, überqueren Meere und fliegen über Kontinente. Doch vielleicht geht es nicht nur darum, was wir von der Welt sehen, sondern auch darum, wie wir ihr begegnen.

Und „Land“ kann noch etwas anderes bedeuten:

Wo bin ich verwurzelt?
Was trägt mich?
Wo fühle ich mich zu Hause?

Vielleicht ist Heimat ein Ort. Vielleicht sind es Menschen. Vielleicht eine innere Haltung. Und vielleicht dürfen wir uns immer wieder daran erinnern:

Nicht alles, was uns trägt, gehört uns. Manches ist uns für eine gewisse Zeit anvertraut.

2. Haa Latseen – unsere Stärke

Dieser Wert beschreibt Stärke von Körper, Geist und Seele.

Junge Menschen sollen lernen, Kraft zu entwickeln, für ihre Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen, Wissen zu suchen und sich veränderten Zeiten anzupassen – ohne dabei die eigenen Werte zu verlieren.

Was für ein Gedanke für unsere heutige Zeit! Denn Stärke bedeutet für mich längst nicht mehr, immer alles im Griff zu haben. Manchmal bedeutet Stärke, ruhig zu bleiben, wenn es rundherum turbulent wird. Manchmal bedeutet sie, um Hilfe zu bitten. Manchmal müssen wir flexibel sein und unseren Plan verändern.

Und manchmal besteht die größte Stärke darin, uns selbst treu zu bleiben, obwohl sich außen gerade alles verändert.

Gerade Alaska hat mir das wieder gezeigt. Wildnis lässt sich nicht vollständig planen. Wetter nicht. Menschen übrigens auch nicht. 😉Wir können versuchen, alles unter Kontrolle zu halten – oder lernen, mit dem Leben zu gehen.

Go and grow with the flow.

Die spannende Frage lautet also nicht nur: Wie stark bin ich?
Sondern: Was trägt mich, wenn es schwierig wird?

3. Haa Shuká – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Hier geht es um die Verbindung zu den Vorfahren und gleichzeitig um die Verantwortung für diejenigen, die nach uns kommen.

Das berührt einen meiner großen metaphysischen Gedanken: The Bigger Picture.

Wir sind nicht erst mit unserer eigenen Lebensgeschichte entstanden. Menschen waren vor uns da. Sie haben Erfahrungen gesammelt, Entscheidungen getroffen, geliebt, gelitten, gelernt und etwas weitergegeben. Unsere Eltern. Großeltern. Lehrer. Wegbegleiter. Freunde.

Vielleicht sogar die „Graugänse unseres Lebens“ – Menschen, an denen wir uns eine Zeit lang orientiert haben, bis wir irgendwann unsere eigenen Flügel entdeckt haben.

Und gleichzeitig sind auch wir Teil der Geschichte anderer Menschen. Was geben wir weiter? Welche Spuren hinterlassen wir? Welche alten Geschichten dürfen mit uns enden – und welche Werte möchten wir bewahren? Für mich bedeutet Entwicklung deshalb nicht, die Vergangenheit abzulehnen. Es bedeutet:

Dankbar zurückschauen. Bewusst heute leben. Verantwortung für morgen übernehmen.

4. Wooch Yáx – Balance, Harmonie und Respekt

Vielleicht brauchen wir diesen Gedanken gerade besonders.

Balance, also Gleichgewicht. Zwischen Tun und Sein. Reden und Zuhören. Geben und Nehmen. Festhalten und Loslassen. Tradition und Veränderung. Ich und Wir.

Und dazu gehört etwas, das manchmal erstaunlich schwierig geworden ist:

Respekt.

Ich muss nicht deiner Meinung sein, um dich zu respektieren. Du musst meinen Lebensweg nicht verstehen, damit er für mich richtig sein darf. Wir müssen nicht alle gleich sein, gleich denken oder dieselben Erfahrungen machen. Vielleicht liegt gerade in unserer Unterschiedlichkeit ein großer Teil unserer gemeinsamen Schule.

Die Welt ist groß genug für viele Wege.

Von Alaska nach Aschau

Was nehme ich also aus diesen vier alten Werten mit nach Hause? Vielleicht gar nichts vollkommen Neues. Und genau das finde ich so schön. Denn manchmal begegnen uns auf der anderen Seite der Welt Gedanken, die etwas in uns berühren, das wir längst kennen.

Achte die Erde, die dich trägt.
Entdecke deine innere Stärke.
Vergiss deine Wurzeln nicht und denke an das, was nach dir kommt.
Und versuche, in Balance und respektvoll mit anderen zu leben.

Vier Gedanken aus Alaska.

Und vier Fragen für unseren Alltag:

Was trägt mich?
Was macht mich wirklich stark?
Was möchte ich weitergeben?
Wo darf wieder mehr Balance entstehen?

Vielleicht brauchen wir manchmal eine Reise um die halbe Welt, um wieder bei uns selbst anzukommen. Ich bin nach Alaska gefahren, um Menschen auf einer außergewöhnlichen Reise zu begleiten. Und wie so oft bin ich selbst mit etwas im Gepäck zurückgekommen, das in keinen Koffer passt: neue Impulse für meine Arbeit, mein Leben und meine eigene Reise.

Denn die Welt bleibt für mich eine wunderbare Schule. Egal, wo wir gerade sind. Wenn auch Du mal mit mir „auf besondere Art“ die Welt entdecken möchtest, hier findest du die nächsten TOWOL-Reisen.

Herzlichst
Petra

Petra Maria Knickenberg · TOWOL – The Other Way of Life
Metaphysik and more – bodenständig, mitten im Leben